Schamanismus

Schamanismus

Schamanismus begeistert mich. Das erstaunte mich selbst am meisten – damals, zum Zeitpunkt der ersten Begegnung mit einem schamanischen Ritual. Was dann aber folgte, war eine bis dahin nie erlebte tiefe Erfahrung von Einheit und Ganzheit. Sie ließ alle Vorurteile, die auch in mir gut Platz gefunden hatten, zurücktreten.

Hier gab und gibt es etwas zu lernen. Viel zu lernen. Ich begann mich zu informieren.

Mit dem Schamanismus begegnen wir dem ältesten Erbe einer jeden Kultur dieser Erde. Manche Spuren reichen 100.000 Jahre zurück. Jedes Volk hatte seine Schamanen. Schon im Kindesalter wurden die zukünftigen Schamanen von der Gemeinschaft erkannt und dementsprechend ausgebildet. Dies geschieht heute nur noch in den indigenen Völkern.
Wenn ein von westlicher Zivilisation geprägter Mensch die schamanische Heilkunde erlernt, ist er demzufolge kein Schamane, sondern ein schamanisch Praktizierender.

Der amerikanische Anthropologieprofessor Michael Harner hat den Schamanismus seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erfahren und erforscht. Harner und später auch die Psychologin Sandra Ingerman fanden bei ihrer Forschungsarbeit immer wieder sich gleichende schamanische Techniken egal, in welcher Kultur sie ausgeübt wurden. Eben diese weltweit gleichen Methoden wurden von beiden Forschern als Core- also Kern-Schamanismus bezeichnet. Diese Kerntechniken erwiesen sich als übertragbar in unsere westliche Welt des Denkens und des modernen Lebens. Es bedurfte also keiner Kopien indigener Techniken, um auch in unserer Kultur schamanisch arbeiten zu können.

Das Wesen des Schamanismus besteht im Erfahren der unsichtbaren Welt neben der sichtbaren; insofern ist der schamanisch Praktizierende Brückenbauer zwischen dieser alltäglichen und der nicht alltäglichen Wirklichkeit, wie Harner sie nennt.

Heute gibt es in den westlichen Kulturen immer mehr Menschen, die sich dem Schamanismus öffnen. Seine Renaissance ist durch die Säkularisierung unserer westlichen Gesellschaften zu erklären. In unserer individuellen, materiellen Welt verspüren viele eine große Sehnsucht nach Verbindung zur Natur.

Die Trennung von dem Ganzen – von der Natur, von der Schöpferkraft, von sich selbst – ist aus schamanischer Sicht die Ursache für jede Art von Leid, von seelischem wie körperlichem. Die Krebszelle ist abgetrennt vom organischem Ganzen, der Depressive empfindet sich als abgetrennt vom Leben.

Da alltägliche und nichtalltägliche Wirklichkeit aus schamanischer Sicht beide Hälften eines Ganzen bilden, bekommt die Heilkunst der Schamanen ihre Bedeutung. Heilen im Sinne von Ganzwerden bekommt hier seinen Sinn. Rückbindung an Natur und die Ganzheit der Seele, dadurch entsteht Heilung im schamanischen Sinne.

Der Schamane nennt seine Praxis „Reise“, dazu werden Trommeln und Rasseln verwendet. Der damit erreichte Bewusstseinszustand ist eine absichtsvolle Wach-Trance, in der ein Teil des Bewusstseins hochkonzentriert bleibt und über die Absicht der jeweiligen Reise wacht. Schamanische Reisen sind weder Visualisierungen noch Imaginationen, sie sind mit psychologischer Begrifflichkeit nicht zu erklären.

Jeder schamanisch Praktizierende findet in der nicht alltäglichen Wirklichkeit seine Helfer, sie werden als Verbündete, Gefährten, Krafttiere oder auch Spirits bezeichnet. Mit Unterstützung dieser transpersonalen Kräfte kann Hilfe und Heilung stattfinden.


Literatur:
– Sandra Ingerman: Auf der Suche nach der verlorenen Seele
– Carlo Zumstein: Schamanismus
– Geseke von Lüpke: Altes Wissen für eine neue Zeit

– Barbara Gramlich: Bärenblut